Kommentar

Himmelchakrament oder hier werden sie geholfen

In der Osterwoche saß ich einfach nur rum. Auf einer Bank. In der Bänschstraße in Friedrichshain. Ich kam vom Einkaufen und wollte einen Moment verschnaufen. Es war zwar sehr kühl aber trotzdem schön. So guckte ich auf die Samariterkirche und dachte nach. Die Nacht war kurz gewesen und ich war sehr erschöpft.

Da stand plötzlich eine junge Frau vor mir, die mich in einem sanften fremdländischen Akzent lieb ansprach und mir erzählte, dass mein Chakra lila sei.

Nun bin ich wie jede emanzipierte Frau ein Fan der Farbe Lila und ich freute mich. Die Freude trog denn ich wurde aufgeklärt, dass mein Chakra rot zu sein habe wenn es gut sein soll. Ich hätte es außerdem schwer aber ein Mann mit wenig Haaren warte auf mich – er sei voller Liebe. Was natürlich immer eine gute Nachricht ist.

Die junge Dame sprach auf mich ein und ich fühlte mich wie in einem Film. Neugierig geworden und wegen der Kälte gingen wir in ein Café. Da erklärte sie mir, dass es eine blonde und eine brünette Frau gäbe, die mich verflucht hätten und ich deshalb blockiert sei. Wusste ich es doch! Nun kenne ich natürlich nach einem schon recht langen Leben einige blonde und brünette Frauen und ging in Gedanken durch, wer es wohl war, die mein Foto auf dem Friedhof vergraben und mich damit für 25 Jahre verflucht hat – lebenslänglich!

Die junge Frau gab mir auch ein Stück Wurzel von einer Pflanze die nur in Lourdes wächst. Ob ich an die Natur glaube? Ja klar. Wer glaubt nicht an die Natur – wir sehen sie ja jeden Tag. Dann kam Gott, der sich ja schon in der Wurzel aus Lourdes offenbarte. Mit einem hölzernen Rosenkranz haben wir gemeinsam gebetet und die bösen Geister also den blonden und den brünetten aus meinem Leben gejagt. Ich muss sagen, dass sich das richtig gut angefühlt hat. Der Rosenkranz bizelte in meiner Hand während ich mein Chakra kräftig gereinigt haben. Ich fand das so toll, dass ich auch etwas Geld gegeben habe – Arbeit am Chakra muss sich schließlich lohnen und wir sind beide Freiberufler.

Bei ihren weiteren Vorstellungen, sechs Wochen für mich zu beten, damit mein Chakra ganz gereinigt würde, erschien mir dann doch etwas wage und das Honorar sehr üppig. Sie wollte mir durchaus in der Summe entgegenkommen aber da kamen Zweifel. Sie nannte mich auch zweimal Brigitte, was mein Vertrauen etwas erschüttert hat. Bei allem Respekt für die unbekannte Brigitte wollte ich nicht am Ende für ihre Chakrareinigung bezahlen. Mein Angebot, die weitere Reinigung zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen oder dass ich sie nach der Reinigung bezahle (Ehrenwort!) stieß bei ihr auf taube Ohren. Gleich oder gar nicht. Das verstehe ich.

Es war faszinierend, dieser jungen Frau zuzuhören. Sie wusste scheinbar so viel über mich. Es war großes Kino und ich kann mir vorstellen, dass sie vielen Menschen wirklich hilft. Gut, es wird nicht nur das Chakra sondern auch der Kontostand bereinigt – aber mal ehrlich – warum denn nicht?

Vielleicht sehe ich sie ja nochmal in Friedrichshain. Der 29. März, so sagte sie mir, dieser Tag unseres Treffens sei ein besonderer Tag, an dem ich mein neues Leben anfangen würde.

Es hat tatsächlich gewirkt. Ich habe mich inzwischen von allen blonden und brünetten Freundinnen getrennt. Nun ist mein Leben sehr viel ruhiger und ich habe mehr Zeit für den Mann mit den wenigen Haaren, der so viel Liebe für mich hat. Jetzt muss er nur noch kommen. Mein Chakra freut sich schon sehr.

 

 

 

 

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