Kommentar
Ist ein Gutschein immer gut oder warum wir Bildung für alle brauchenDas Bundesverfassungsgericht hat dem Gesetzgeber klare Vorgaben gegeben. Bis Anfang nächsten Jahres müssen die Bedarfssätze bei Hartz-IV neu berechnet werden – besonderes Augenmerk hatten die Richter auf die Bedarfssätze für Kinder. Deren Berechnung fanden sie nicht nachvollziehbar.
Nun muss also nachgebessert werden – mal wieder. Interessant war die spontane Reaktion der FDP – die Sätze wären ja auch viel zu hoch. So sind sie eben – unsere Liberalen. Bei Guido Westerwelle ist kein Kinderwunsch absehbar – da können die Sätze ruhig niedrig ausfallen – bleibt mehr für die Hoteliers. Außerdem gehen solche Leute nicht ins Hotel – es besteht also auch keine Berührungsangst, weil es keine Berührungspunkte gibt. So einfach kann die Welt sein. Ursula von der Leyen weiß als Arbeitsministerin, Ärztin, Mutter von sieben Kindern und unterstützt von Legionen von Mitarbeitern natürlich, was dem Prekariat fehlt- verantwortliche Eltern. Wenn die armen Leute verantwortlich wären, würden sie ja schon einmal gleich gar keine Kinder bekommen Deshalb soll es zukünftig zusätzliche Leistungen für Kinder nur auf Chipkarte geben. Das soll in andere Ländern schon gut funktionieren – allerdings konnte bisher kein Land gefunden werden, bei dem dieses System angewendet wird- vielleicht ja in Lummerland. Da wohnen mit Jim Knopf ja auch Migranten und damit Prekariat. Lummerland ist fünfzig Jahre alt geworden. Ob die inzwischen schon Chipkarten haben? Es sieht nicht so aus - Jim Knopf und Lukas fahren auf der Lokomotive Emma sogar heute noch mit Holz und Kohle. Kein ICE weit und breit. Ursula von der Leyen weiß aber auch als Gutbürgerliche, was sie von den Eltern des Prekariats zu halten hat – nämlich nichts. Also hilft es den Leuten ja auch nichts, wenn sie mehr Geld in den Händen halten. Sie würden es genauso römisch-dekadent verprassen wie auch schon die 358€ im Monat, die dem Haushaltsvorstand zustehen. Da ist es besser, Dienstleitungen auf Chipkarten zu vergeben – für kostenloses Kita- oder Schulessen, für Musikunterricht oder Nachhilfe. Blöderweise sind alle dagegen. Es entmündigt die Eltern, sagen die Sozialverbände – Unfug sage ich – das macht das Jobcenter ja schon. Im Gegenteil – die Chipkarte kann die Kreativität der Eltern anstacheln. Sie werden Mittel und Wege finden, die Chipkarten zu verhökern und mit dem Geld dann sofort in den nächsten Schnapsladen zu marschieren oder die Wirtschaft in der Wirtschaft anzukurbeln. Dann wird die Chipkarte als verloren gemeldet – es gibt eine Neue und schon ist der schwunghafte Handel in vollem Gange. Mit Krankenkassenchipkarten funktioniert das schließlich schon bestens. Bis da einer merkt, dass der falsche Patient abgerechnet wird – das kann dauern. Den Kassen entstehen so jährlich Schäden in Millionenhöhe. Aber zurück zu unserem Präkariat: Die Chipkarte gegen Dummheit – das wird also so oder so funktionieren. Allerdings müssen alle Dienstleister entsprechende Lesegeräte anschaffen, um die Leistungen abbuchen zu können. Was das an Kosten mit sich bringen wird – darüber ist vom Arbeitsministerium nichts zu hören. Vielleicht sollten wir einmal nachforschen, ob beim Wahlkampf der CDU eine Chipkartenfirma gespendet hat? Es ist unstrittig, dass Kinder aus sozial schwachen Familien schlechtere Startmöglichkeiten haben als Kinder aus wohlhabenden Familien – genauso unstrittig ist aber auch, dass Schulversager aus allen gesellschaftlichen Schichten kommen. Kürzlich sah ich in der S-Bahn eine junge Frau mit ihrem Kind. Der kleine Junge war wohlgenährt und saß in einem schäbigen Kinderbuggy, der von den teuren Bagalooo-Kinderwägen in Prenzlauer Berg soweit entfernt war, wie Paris Hilton vom akademischen Abschluss. Die überschlanke Mutter trug Kleidung, die vermutlich von Humana stammte. Sie zog aus ihrer Tasche ein abgegriffenes Bilderbuch, das sie ihrem Kind mit großer Geduld erklärte. Mutter und Kind waren ganz versunken. Es fehlte ihnen erkennbar nur eines: Geld. |


