Gedicht

Der Winter

Der Winter ist ein rechter Mann

Kernfest und auf die Dauer

Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an

Er scheut nicht süß noch sauer

 

War je ein Mann gesund wie er?

Er krankt und kränkelt nimmer.

Er trotzt der Kälte wie ein Bär

Und schläft im kalten Zimmer.

 

Er zieht sein Hemd im Freien an

Und lässt‘s vorher nicht wärmen

Und spottet über Fluss im Zahn

Und Grimmen in Gedärmen.

 

Aus Blumen und aus Vogelsang

Weiß er sich nichts zu machen,

hasst warmen Drang und warmen Klang

und alle warmen Sachen.

 

Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht

Und Teich und Zehen krachen,

Das klingt ihm gut, das hasst er nicht,

dann will er tot sich lachen.

 

Sein Schloss von Eis liegt ganz hinaus

Beim Nordpol an dem Strande,

Doch hat er auch ein Sommerhaus

Im lieben Schweizerlande.

 

Da ist er dann bald dort, bald hier,

gut Regiment zu führen,

und wenn er durchbricht, stehen wir,

und sehn ihn an und frieren.

 

Matthias Claudius (1740-1815)

 

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